
Jahrelang wurde der Wohnungsbau in Deutschland mit immer neuen Vorschriften, Auflagen, Diskussionen und politischen Experimenten überzogen. Jetzt scheint die Bundesregierung langsam zu merken, dass man Wohnungen am Ende tatsächlich bauen muss – und nicht nur über sie reden.
Das Bundeskabinett will heute eine umfassende Reform des Baugesetzbuches beschließen.
Der Kern der Botschaft: Wohnungsbau soll in angespannten Märkten künftig Vorrang bekommen.
Man könnte auch sagen: Deutschland entdeckt nach Jahren ideologischer Selbstbeschäftigung überraschend wieder das Bauen.
DER „BAUTURBO“ SOLL ENDLICH ZÜNDEN
Nach dem bereits angekündigten „Bauturbo“ soll nun auch das Baugesetzbuch angepasst werden.
Künftig sollen Kommunen schneller planen und genehmigen können. Wohnungsbau soll bei Abwägungsentscheidungen stärker gewichtet werden. Energetische Sanierungen und altersgerechte Umbauten in Milieuschutzgebieten sollen einfacher werden.
Außerdem sollen Städte bessere Möglichkeiten bekommen, gegen sogenannte Schrottimmobilien vorzugehen.
Das klingt tatsächlich erstmals seit längerer Zeit nach einem gewissen Pragmatismus.
DENN DIE ZAHLEN SIND INZWISCHEN VERHEEREND
Die Bundesregierung dürfte inzwischen verstanden haben, dass die Lage am Wohnungsmarkt politisch kaum noch wegzudiskutieren ist.
Erst gestern wurde bekannt:
2025 wurden in Deutschland nur noch rund 206.000 Wohnungen fertiggestellt.
Das ist:
- der niedrigste Wert seit 2012,
- knapp die Hälfte des einstigen 400.000-Wohnungen-Ziels,
- und ein Offenbarungseid für die deutsche Wohnungspolitik.
Gleichzeitig sitzen hunderttausende genehmigte Wohnungen weiterhin im Bauüberhang fest.
Anders formuliert:
Deutschland genehmigt inzwischen wieder etwas mehr.
Gebaut wird trotzdem zu wenig.
DIE POLITIK SCHAFFT MISSTRAUEN. SEIT JAHREN.
Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht: „Kann man Verfahren beschleunigen?“
Sondern: „Trauen Investoren diesem Land überhaupt noch?“
Denn genau daran hapert es derzeit massiv.
Wer heute Wohnungsbau entwickelt, kämpft gleichzeitig mit einem völlig asysmetrischen und unberechenbaren Mietrecht. Aber gerade hier braucht es Verlässlichkeit. Denn eine Immobilie ist eine langfristige Investition.
Außerdem hohen Baukosten, ESG-Vorgaben, Förderchaos, langen Verfahren, Personalmangel, Zinsunsicherheit und parallel wieder aufflammenden Mietendeckel-Debatten.
Mit anderen Worten:
Die Politik versucht gerade gleichzeitig zu beschleunigen und tot zu regulieren.
Das ist ungefähr so vertrauenerweckend wie Vollgas und Handbremse gleichzeitig.
IMMERHIN: EIN BESONDERS ABSURDER PUNKT IST RAUSGEFLOGEN
Interessant ist auch, was NICHT kommt.
Die ursprünglich diskutierte Erweiterung des kommunalen Vorkaufsrechts bei „Verdacht auf verfassungsfeindliche Bestrebungen“ wurde wieder gestrichen.
Offenbar hat selbst die Politik irgendwann gemerkt, dass das Baugesetzbuch vielleicht doch kein Werkzeugkasten für sämtliche gesellschaftspolitischen Debatten sein sollte.
Man muss inzwischen ja schon froh sein, wenn im Baugesetzbuch tatsächlich wieder über Bauen gesprochen wird.
FAZIT VON JO. WOLTER IMMOBILIEN, BRAUNSCHWEIG
Die Richtung der Reform wirkt erstmals seit längerer Zeit zumindest teilweise vernünftig.
Schnellere Verfahren, mehr Priorität für Wohnungsbau und weniger bürokratische Blockaden sind überfällig.
Kommt dadurch aber tatsächlich wieder Vertrauen in den Markt, wenn zeitgleich vom Justizministerium über eine Verschärfung des Mietendeckels nachgedacht wird?
Wohnungen entstehen nicht durch Pressekonferenzen.
Sondern nur dann, wenn Investoren wieder glauben, dass sich Bauen in Deutschland langfristig überhaupt noch lohnt.
© Jo. Wolter Immobilien GmbH, Autor: Maic Wolter